Feminismus und Sexismus

Was ist Feminismus? Mir gefällt die Definition „Feminism is the radical idea that women are people“, „Feminismus ist die radikale Idee, dass Frauen Personen sind“.

Feminismus kann auch gut über seinen Antagonisten definiert werden, darüber, was er versucht zu bekämpfen: Sexismus. Was ist also Sexismus?

Sexismus ist die systematische strukturelle gesellschaftsweite Unterdrückung, Benachteiligung und Abwertung von Frauen und Abwertung von allem Femininem, also allem, was in der jeweiligen Gesellschaft als typisch weiblich betrachtet wird.

Abstrakter gesagt ist es die Diskriminierung und Dominierung eines Geschlechts (in Gesellschaften mit traditionell drei oder mehr Geschlechtern meist: aller Geschlechter bis auf einem) durch das andere. In den wenigen verbleibenden matriarchalischen Gesellschaften ist Sexismus also tatsächlich die Diskriminierung von Männern, und dort könnte es maskulistische Bewegungen geben, die gegen die Diskriminierung von Männern kämpfen.

In den allermeisten Gesellschaften die aktuell auf diesem Planeten existieren, z.B. in allen in Europa und Nordamerika (soweit mir bekannt ist einschließlich der Ureinwohner), sind jedoch die Männer die privilegierte und dominante, also systematisch bevorteilte Gruppe.

Feminismus kämpft für die Gleichstellung von Frauen und Männern. Da Frauen die marginalisierte Gruppe sind, kämpft er also für die Frauen. Deswegen heißt er Feminismus und es gibt keinen Grund, ihn etwa in Equalismus umzubenennen.

Was ist Geschlecht?

This text is available in English: What is sex? What is gender? Der englische Text ist das Original, der deutsche die Übersetzung. | Bitte akzeptiere meine (Semi-)Anonymität.

Dies ist ein Einführungstext über die verschiedenen Bedeutungen des Wortes Geschlecht. Es ist für cissexuelle (= nicht-transsexuelle) dyadische (= nicht-intersexuelle) Leser_innen geschrieben, da die meisten Transmenschen und intersexuellen Menschen sich damit schon auskennen. Ich habe die meisten Dinge, über die ich hier schreibe, von Transfrauen und Transmännern gelernt, und ein paar von genderqueeren (= nicht-binären) und intersexuellen Menschen.

[Der kulturelle Kontext dieses Posts ist, größtenteils, Europa, Nordamerika und ähnliche Regionen/Länder.]

Ich dachte lange, dass es ziemlich toll ist, dass es im englischen zwei separate Wörter für Geschlecht gibt, sex und gender. Aber inzwischen bin ich der Meinung, dass das mehr Probleme erzeugt, als es löst, denn Leute verwenden das eine oder das andere und gehen davon aus, dass die Zuhörer_innen das gleiche verstehen werden, wie sie beabsichtigt haben, obwohl jedes dieser Worte mindestens 2 bis 4 verschiedene Sachen bedeutet. Auf Deutsch ist man ohnehin gezwungen, klar zu machen, was man mit Geschlecht meint / welches Geschlecht man meint, das ist eigentlich ein Vorteil. Welches sind die Bedeutungen?

(0) Grammatisches Geschlecht

[Auf Englisch: Gender.]

Manche Sprachen haben drei Geschlechter: Maskulinum (männliches Geschlecht), Femininum (weibliches Geschlecht) und Neutrum. Manche haben zwei, männlich und weiblich. Andere haben zwei andere, ein gemeinsames für männlich und weiblich und eines für neutral. (Das ist ein bisschen gemogelt, zumindest für die Personalpronomen gibt es bei ihnen normalerweise dennoch drei.) Manche Sprachen haben gar kein Geschlecht. In einigen Sprachen werden Pronomen, Substantive, Artikel und Adjektive dem Geschlecht angepasst (z.B. im Deutschen und Französischen), in anderen nur einige dieser Wortarten, z.B. nur die Personalpronomen (z.B. im Englischen).

Es gibt sehr viele interessante Dinge, die ich über das grammatikalische Geschlecht schreiben könnte, besonders über das (pseudo)generische Maskulinum, aber nicht in diesem Artikel, sonst käme ich zu nichts anderem mehr.

Nur so viel: Die Leute, die sagen „Words have genders, people have sexes.“ kommen offenbar aus dem Jahr 1954, denn mindestens seit dem Jahr 1955 wird gender auch auf Menschen angewendet (in der „WHO-Bedeutung“, siehe (7) in diesem Text).

(1) Rechtliches Geschlecht

[Auf Englisch sowohl als legal sex als auch als legal gender bezeichnet.]

Die meisten oder vielleicht alle Länder registrieren das Geschlecht von Menschen auf der Geburtsurkunde und auf manchen anderen Dokumenten, z.B. Ausweisen. (Deutsche Personalausweise und Führerscheine haben jedoch keine solche Eintragung.)

Einige Länder erlauben es Transmenschen und/oder intersexuellen Menschen, ihr rechtliches Geschlecht zu ändern, andere, konservativere Länder gestatten dies leider nicht. Nur wenige Länder erlauben bis jetzt die Änderung des rechtlichen Geschlechts auf den einfachen Wunsch hin (z.B. Argentinien), einige haben relativ einfache Voraussetzungen (etwa ein Brief von dem_der Ärzt_in oder Therapeut_in, z.B. in mehreren US-Staaten), andere haben sehr umfangreiche Voraussetzungen (spezifische medizinische Behandlungen, z.B. Operationen oder Unfruchtbarkeit [in mehreren Ländern wie Deutschland und Schweden von den Gerichten inzwischen als menschenrechtswidrig aufgehoben] und/oder Psychotherapie und/oder ein oder zwei umfangreiche und teure psychische Bewertungen [z.B. in Deutschland 2] – wie irgendjemand außer der Person selbst ihre Geschlechtsidentität bewerten können soll ist ein Mysterium).

Viele Transmenschen und manche intersexuellen Menschen mit mehreren Staatsbürgerschaften oder die nicht in dem Land leben, in dem sie geboren sind (in stark föderalistischen Staaten wie den USA sogar wenn sie in einem anderen Staat leben, als sie geboren sind) haben eine Zeit lang oder für immer mehrere rechtliche Geschlechter. Das kann ziemlich beschissene Auswirkungen für sie haben, z.B. kann es passieren, dass sie sich nicht scheiden lassen können (weil sie dort, wo sie leben, nicht heiraten könnten) oder dass ihr_e Ehepartner_in stirbt und sie nichts erben, weil die Ehe plötzlich als null und nichtig betrachtet wird. (Nur eine der vielen Arten, wie Transmenschen und intersexuelle Menschen auf die widerwärtigste Weise diskriminiert werden, selbst in den angeblich fortschrittlichsten Ländern.)

In den meisten Ländern gibt es zwei rechtliche Geschlechter, männlich und weiblich. Ein paar Länder haben ein drittes rechtliches Geschlecht, z.B. Indien – siehe z.B. den India Visa Application Form. Das dritte Geschlecht ist dort als „transgender“ ins Englische übersetzt worden (in diesem Fall wäre das auf Deutsch am ehesten „transident“, in der übergreifenden Bedeutung, die Transsexuelle mit einbezieht). Das ist ein bisschen problematisch, denn viele, möglicherweise sogar die meisten Transmenschen identifizieren sich als Mann oder als Frau und nicht als drittes Geschlecht – es ist unklar ob eine Transfrau weiblich oder transgender auswählen müsste, ein Transmann männlich oder transgender. [Okay, in diesem konkreten Fall eines Einreiseformulars ist es nicht unklar, hier muss jede_r eintragen, was im Pass eingetragen ist.] Da jedoch der Community-interne Begriff „genderqueer“ noch nicht im Mainstream-Englisch angekommen ist, ist transgender als dritte Option zumindest besser als gar keine dritte Option. Dazu kommt dass in Fällen wie Indien und anderen Kulturen mit einem traditionellen dritten Geschlecht „genderqueer“ (meistens) auch keine zutreffende Übersetzung wäre – beispielsweise umfasst das indische dritte Geschlecht intersexuelle Menschen (deren Intersexualität bei der Geburt sichtbar war), (einige oder alle?) Transfrauen und (vor allem in der Vergangenheit) kastrierte Männer („Eunuchen“). Manche Kulturen (z.B. einige amerikanische Ureinwohner) haben vier traditionelle Geschlechter, aber ich kenne noch kein Land mit vier rechtlichen Geschlechtern.

Um zum kulturellen Kontext von Europa, Nordamerika und co. zurückzukommen, für den ich diesen Artikel schreibe: Deutschland hat dieses Jahr ein drittes rechtliches Geschlecht eingeführt, intersexuelle Kinder werden nun ohne Geschlechtseintrag registriert. Das ist nicht so gut, wie es zuerst klingen mag, intersexuelle Organisationen sind dagegen, da es zu Zwangsoutings führen kann und Eltern eventuell erst Recht dazu bewegt, ihr Kind früh geschlechtsangleichenden Operationen auszusetzen, damit sie es als männlich oder weiblich registrieren können. (Der Schutz von intersexuellen Kindern vor geschlechtsangleichenden und anderen Genital-Operationen bevor das Kind alt genug ist, um  zu verstehen und zuzustimmen oder abzulehnen, ist das Ziel mit der höchsten Priorität aller Intersexuellen-Organisationen weltweit; in Deutschland und vielen anderen Ländern ist die Erreichung noch in weiter Ferne.)

Schauen wir uns noch einmal Pässe an: Obwohl Pässe in vielen Ländern für viele Zwecke als Ausweis dienen können (ggf. ist zusätzlich ein Adressnachweis nötig), so sind sie doch in erster Linie internationale Reisedokumente und müssen somit internationalen Vereinbarungen genügen. Sie können nur folgende drei Geschlechtseinträge führen: M, F oder X (wobei die meisten Länder keine Reisepässe mit X ausstellen). Ein leerer Geschlechtseintrag oder ein anderer (z.B. IS-F und IS-M, wie von manchen deutschen Intersexuellen-Organisationen vorgeschlagen) ist in Pässen nicht möglich. (Bis vor etwa 10 Jahren hat z.B. Deutschland Pässe mit leerem Geschlechtseintrag an Transpersonen ausgestellt, die sich in ihrer medizinischen und gesellschaftlichen Transition befanden. Inzwischen sind die Regeln strenger geworden und das ist nicht mehr möglich; die strengeren Regeln hast du sicherlich vor allem an den strengeren Anforderungen an biometrische Fotos bemerkt.) Reisepässe müssen nicht notwendigerweise das rechtliche Geschlecht der Person zeigen (abhängig von den Landesgesetzen), z.B. in Großbritannien sind die Anforderungen zur Änderung des Geschlechts im Pass geringer als die zur Änderung des Geschlechts auf der Geburtsurkunde (also des rechtlichen Geschlechts). Neuseeland erlaubt die Ausstellung von Pässen mit dem X-Merkmal an Personen, die die Diagnose Transsexualität/Geschlechtsidentitäts“störung“/Geschlechtsdysphorie nachweisen können, wofür ein Brief des_der Ärzt_in oder Therapeut_in genügt. (Intersexuelle neuseeländische Personen dürfen bis jetzt noch keine Pässe mit X bekommen, soweit ich die Nachrichten verfolgt habe.)  Optimalerweise sollten alle Personen das Recht auf Pässe mit den Merkmalen M, F oder X nach ihren Wünschen haben – ggf. auch mehrere Pässe mit verschiedenen Merkmalen, da das Outing als trans (in einigen Ländern vielleicht sogar als intersexuell?) in manchen Ländern gefährlich sein kann. (Mehr als einen Pass zu haben ist nicht ungewöhnlich, z.B. wenn man in seinem Pass israelische Stempel hat, benötigt man einen zweiten für die Einreise in viele muslimische Ländern.)

Was sind die rechtlichen Folgen davon, rechtlich männlich, weiblich oder „sonstige“ zu sein? Sehr viele gibt es nicht mehr, vor allem in den fortschrittlicheren Ländern.

  1. Vorwiegend beeinflusst es, ob eine Person ihren geliebten Menschen heiraten darf oder nur eine eingetragene Partnerschaft mit geringeren Rechten eingehen darf (in Ländern, wo es noch solche Unterscheidungen gibt).
  2. Es kann beeinflussen, ob jefrau in die Armee eintreten darf und welche Rollen sie dort ausführen darf – Frauen haben evtl. nur die Berechtigung für medizinische und musikalische Dienste (wie in Deutschland bis zum Jahr 2000, als deutsche Soldatinnen dagegen vor dem Europäischen Gerichtshof erfolgreich klagten), oder aber sie dürfen vielleicht die meisten Rollen ausführen, aber nicht direkt an der Front kämpfen. Nicht einmal die USA schicken Frauen direkt an die Kampflinie (aber die Soldatinnen haben unterstützende Rollen im Kampfgebiet und tragen Waffen, von denen sie manchmal auch Gebrauch machen müssen). Zudem können in vielen Ländern Männer zum Militärdienst eingezogen werden, Frauen nicht. In Israel werden Männer für 3, Frauen für 2 Jahre eingezogen.
  3. Bis 2009 durften in Deutschland – und allen anderen Ländern, die an die internationale Arbeitsschutzvereinbarung aus dem Jahr 1935 gebunden waren, – Frauen nicht unter Tage arbeiten. Der Europäische Gerichtshof hat das für die EU aufgehoben, aber andere Länder könnten noch daran gebunden sein.
  4. In den meisten Ländern entscheidet das rechtliche Geschlecht darüber, in welchem Gefängnis, welcher geschlechtsgetrennten Notunterkunft für Obdachlose und welcher geschlechtsgetrennten Massenunterkunft für Flüchtlinge eine Person untergebracht wird. Wie eins sich vorstellen kann, das ist oft eine Katastrophe für Transmenschen, die bis jetzt noch nicht die Möglichkeit hatten, ihr rechtliches Geschlecht zu ändern. (Zudem sind Transmänner aber auch in Männereinrichtungen oft in Gefahr.) Es besteht eine hohe Gefahr, vergewaltigt zu werden. Sie werden auch oft von anderen Insass_innen/Mitbewohner_innen, von der Polizei, Gefängniswärter_innen und Verwalter_innen körperlich, seelisch und sexuell misshandelt. Obdachlose Transmenschen können oft weder in der Frauen- noch in der Männernotunterkunft unterkommen, selbst wenn ihr rechtliches Geschlecht bereits geändert wurde. Allgemein werden auch Transmenschen mit geändertem rechtlichen Geschlecht häufig von der Polizei misshandelt, z.B. „misgendered“ = als Mitglieder ihres bei der Geburt zugeordneten Geschlechts behandelt (etwa wurden Transfrauen schon gezwungen, sich vor männlichen Polizisten aus- oder anzuziehen oder wurden von ihnen durchsucht, obwohl sie Dokumente mit dem Geschlechtseintrag F vorweisen konnten).
  5. In den meisten nicht-angelsächsischen Ländern muss der Vorname zum rechtlichen Geschlecht passen. Die Auslegung, was das für Transmenschen bedeutet, variiert je nach Land. Z.B. war es in Deutschland ursprünglich so, dass die Person relativ am Anfang ihres Transitionsprozesses ihren Vornamen geändert hat, dann eine Weile der Name nicht zum aktuellen rechtlichen Geschlecht passte (wobei der neue Name bei verschiedenen Ereignissen wie Heirat oder Geburt wieder verloren gehen konnte – Paragraphen, die das Bundesverfassungsgericht inzwischen einkassiert hat) und nach dem „Abschluss“ der geschlechtsangleichenden Maßnahmen das rechtliche Geschlecht geändert wurde. Nachdem die Gerichte auch die Erfordernis der Operation für Transfrauen 2009 für nichtig erklärt haben (für Transmänner war sie es schon ungefähr seit 2000), ist es nun so, dass Name und Geschlecht bereits relativ am Anfang zusammen geändert werden können (nach, wie erwähnt, zwei langen teuren psychologischen Evaluationen).

In konservativeren Ländern sind die rechtlichen Konsequenzen natürlich zahlreicher (ähnlich wie sie es in Europa und Nordamerika vor 100 Jahren waren – oder teilweise noch bis in die 1960er). Frauen dürfen ggf. nicht wählen, arbeiten (ohne Erlaubnis des Ehemannes), Auto fahren, ein Konto eröffnen (ohne dass der Mann mit unterschreibt) oder evtl. gar keine Verträge schließen. Männer dürfen evtl. keine „Frauenkleider“ tragen und umgekehrt. Übrigens, bis ins 19. Jahrhundert wurden intersexuelle Kinder (deren Intersexualität bei der Geburt sichtbar war) im Allgemeinen als Jungen aufgezogen, damit man einem Knaben nicht versehentlich die Rechte von Männern vorenthielt. (Heutzutage werden intersexuelle Kinder meistens als Mädchen aufgezogen, da Operationen zur Konstruktion von Vagina und Vulva einfacher sind als solche zur Konstruktion eines Penis – Operationen, die oft durchgeführt werden, ohne abzuwarten, ob das Kind eine weibliche oder männliche oder andere Geschlechtsidentität entwickelt oder ob, selbst wenn es einn Mädchen [= Kind oder Jugendliche mit weiblicher Identität] ist, sich überhaupt eine Änderung ihrer Genitalien wünscht.)

Da nun in den fortgeschritteneren Ländern kaum noch rechtliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen bestehen und die Diskriminierung von Ehen zwischen Partner_innen desselben rechtlichen Geschlechts bereits oder bald abgeschafft wird, ist das rechtliche Geschlecht weitgehend unnötig und könnte abgeschafft werden. Aber wie können wir die Rechte von Transmenschen auf geschlechtsentsprechende Gefängnisse und Gruppenunterkünfte schützen, wenn es kein rechtliches Geschlecht mehr gibt? Ich bin nicht sicher. Vielleicht sollten wir das Besitzen eines rechtlichen Geschlechts optional machen.

Verdammt, jetzt ist schon der Abschnitt über das rechtliche Geschlecht so lang geworden, dass er ein eigener Blogpost sein könnte, dabei sollten das nur ein oder zwei kurze Absätze werden. Nicht verzweifeln, auf zur nächsten Bedeutung/Definition von Geschlecht.

(2) Das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht

[Englisch: sex/gender assigned at birth]

Transfrauen sind Personen mit weiblicher Geschlechtsidentität, denen bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde. Cisfrauen sind Personen mit weiblicher Geschlechtsidentität, denen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde. Transmänner sind Personen mit männlicher Geschlechtsidentität, denen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde. Cismänner sind Personen mit männlicher Geschlechtsidentität, denen bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde. Genderqueere (= nicht-binäre) Personen identifizieren sich nicht (oder nicht nur) als Mann und nicht (oder nicht nur) als Frau; ihnen kann bei der Geburt das männliche oder das weibliche Geschlecht zugewiesen worden sein. „Person mit weiblicher Geschlechtsidentität“, „weibliche Person“ und „Frau“ sind Synonyme; ebenso sind „Person mit männlicher Geschlechtsidentität“, „männliche Person“ und „Mann“ Synonyme. Wir können also kürzer schreiben: Transfrauen sind Frauen, denen bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde. Cisfrauen sind Frauen, denen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde. Transmänner sind Männer, denen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde. Cismänner sind Männer, denen bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde. (Bei jungen Menschen ist Frau durch Mädchen und Mann durch Junge zu ersetzen.)

Häufig verwendete englische Abkürzungen sind: FAAB (female assigned at birth), AFAB (assigned female at birth) und CAFAB (coercively assigned female at birth, d.h. zwangsweise, ohne das Kind zu fragen). MAAB (male assigned at birth), AMAB (assigned male at birth), CAMAB (coercively assigned male at birth).

Zuweisung meint die nicht-chirurgische Geschlechtszuweisung, also einige oder alle der folgenden Aspekte (teilweise abhängig von den Eltern): Bei der Geburt „Es ist ein Mädchen“ oder „Es ist ein Junge“ verkünden und den Verwandten und Freunden mitteilen. Es auf die Geburtsurkunde schreiben. Dem Kind einen weiblichen oder männlichen Vornamen geben. Das Kind mit „sie“ oder „er“ benennen. Möglicherweise dem Kind „Mädchenspielzeug“ oder „Jungenspielzeug“ geben oder gar das jeweils andere Spielzeug wegnehmen. Möglicherweise das Kind in „Mädchenkleidung“ oder „Jungenkleidung“ stecken und ihm ggf. das Tragen der anderen Kleidung verwehren. Das Kind in Kita oder Schule als Mädchen oder Junge anmelden. Und so weiter und so fort.

Was ist mit intersexuellen Kindern (deren Intersexualität bei der Geburt in Form von uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen sichtbar ist)? In den meisten Ländern wird ihnen auch das weibliche oder das männliche Geschlecht zugeordnet. (Wie erwähnt wird Deutschland sie bald ohne Geschlecht registrieren, dennoch werden sicherlich weiterhin die meisten von ihnen von ihren Eltern als Mädchen oder Jungen aufgezogen werden, d.h. ihnen wird dennoch ein Geschlecht zugewiesen.) Einige der intersexuellen Menschen, die im Laufe ihres Lebens ihr gelebtes/ausgedrücktes Geschlecht und/oder ihr rechtliches Geschlecht ändern identifizieren sich mit dem Begriff „trans“ (transident, transsexuell oder transgender), andere tun es nicht. (Nach der medizinischen Definition können nur dyadische = nicht-intersexuelle Menschen als transsexuell diagnostiziert werden, aber natürlich sind die Trans- und Intersexcommunitys und -Menschen nicht daran gebunden, was sich Dyadische Cismenschen in ihren medizinischen Katalogen für sie ausgedacht haben.)

Warum sollten wir nicht biologisch weiblich bzw. biologisch männlich sagen? Wie wir weiter unten sehen werden, sind auch das neurologische Geschlecht und die Geschlechtsidentität ganz oder teilweise biologisch oder können es zumindest sein. Außerdem: Transfrauen sind weiblich, also sind sie nicht männlich, also sind sie auch nicht biologisch männlich, und umgekehrt für Transmänner. Genderqueere Menschen sind nicht oder nicht nur männlich und nicht oder nicht nur weiblich, also sind sie auch nicht biologisch männlich oder weiblich.  (Einige Transmänner und Transfrauen und relativ viele genderqueere Menschen, vor allem nicht-transsexuelle („nur“ transidente) genderqueere Menschen, haben ggf. überhaupt nichts dagegen, dass sie als biologisch weiblich oder männlich bezeichnet werden – natürlich können sie sich so nennen, wie sie wollen; das gibt Cismenschen nicht das Recht diese Begriffe auf andere Transmenschen anzuwenden, nicht einmal auf andere Transmenschen mit der gleichen Geschlechtsidentität und den gleichen Geschlechtsmerkmalen.) Andere Gründe gegen biologisch weiblich/männlich siehe anatomisch/körperlich männlich/weiblich.

Warum sollten wir nicht genetisch weiblich oder männlich sagen? Hast du schon bei dir einen Chromosomentest machen lassen? Bist du sicher, dass du genau zwei Geschlechtschromosomen hast? Bist du sicher, dass es die sind, von denen du schätzt, dass es sie sind? Vielleicht hast du ja X, XXX, XXXX, XXXXX? XXY, XXXY, XYY? Oder Mosaik, einige Zellen haben einen Chromosomensatz, andere Zellen einen anderen? (Genau genommen wissen die meisten Personen mit Turner-Syndrom (X) oder Klinefelter-Syndrom (XXY, XXXY oder XXXXY) Bescheid über ihren Chromosomensatz, da es andere äußerlich sichtbare Auswirkungen gibt.) Davon abgesehen: Transfrauen sind weiblich, also sind sie nicht männlich, also sind sie auch nicht genetisch männlich, und umgekehrt für Transmänner. Für genderqueere Personen bekommst du es schon selbst raus, oder? (Manche Transmenschen benutzen die Formulieren genetischer Mann für Cismann oder genetische Frau für Cisfrau. Manche nennen sich auch selbst genetisch männlich oder weiblich. Natürlich können sich Transmenschen selbst bezeichnen wie sie wollen – das gibt Cismenschen nicht das Recht, diese Begriffe zu verwenden.)

Warum sollte niemand sagen „Mann in einem Frauenkörper“ oder „Frau in einem Männerkörper“? Hören wir uns an, was ein (generischer) Transmann dazu zu sagen hätte: „Ich bin in ein Mann. Das ist mein Körper. Also ist es offensichtlich der Körper eines Mannes und nicht der Körper einer Frau. Von welcher Frau soll es denn der Körper sein, welcher Frau hab ich ihn gestohlen?“ Analog für Transfrauen.

Warum sollten wir nicht anatomisch oder körperlich männlich oder weiblich sagen? Erst einmal weißt du nicht in welcher Phase der geschlechtsangleichenden Maßnahmen, also der medizinischen Transition sich die Transperson befindet bzw. wie ihr Körper unter der Kleidung aktuell aussieht – und in den allermeisten Fällen geht dich das auch überhaupt nichts an (und es wäre sehr unverschämt, zu fragen). Also, ist eine Transfrau deiner Meinung nach anatomisch/körperlich männlich, auch wenn sie eine Vagina und eine Vulva hat und keinen Penis und keine Hoden und Hodensack mehr? Nur weil sie ein Y-Chromosom hat, ihr der Uterus fehlt (was im Übrigen auch auf 1/3 aller Cisfrauen am Ende ihres Lebens zutrifft) und, falls sie während der ersten Pubertät keinen Zugang zu Hormonblockern hatte, wahrscheinlich eine eher maskuline Knochenstruktur? Ich denke, die meisten Leute würden eine post-operative Transfrau nicht als anatomisch oder körperlich männlich bezeichnen, außer aus Boshaftigkeit (dabei denke ich an euch, TERFs [= trans-exclusionary [ausschließende] radical fauxminists). Wie sieht es mit vor- oder nichtoperativen Transfrauen aus? In Anbetracht der in Anbetung ausartenden Wertschätzung für den Penis in unserer Gesellschaft kann ich zumindest verstehen, dass einige Cismenschen sagen würden, alle Personen mit Penis seien anatomisch/körperlich männlich. Aber schau dir einmal eine Transfrau an, nachdem sie eine Weile Östrogen und Spiro (oder einen anderen Androgen-Blocker) genommen hat: Ist eine Frau mit Brüsten, mit einer femininen Fettverteilung an Hüften und Po statt am Bauch, der dünneren/weicheren/feineren Haut, die typisch für Frauen ist immer noch „körperlich männlich“, nur weil sie einen Penis hat, den du unter ihrer Kleidung meistens nicht einmal sehen kannst? Das Gleiche gilt für Transmänner: Die meisten Transmänner durchlaufen eine Brust-OP (Mastektomie + Formung einer maskulinen Brust), viele eine  Hysterektomie (Entfernung von Gebärmutter und Eierstöcken) und nur eine relativ kleine Anzahl entscheiden sich für Genitaloperationen. Ist ein bärtiger Mann mit tiefer Stimme, evtl. Geheimratsecken oder beginnender Glatze, maskulinen Gesichtszügen und/oder der typisch männlichen Fettverteilung um den Bauch herum (statt Hüften und Po) anatomisch/körperlich weiblich? Wo fängt es an, wo hört es auf, wo ist die Grenze für angeblich biologisch/anatomisch/körperlich männlich/weiblich sein? Okay, sagst du jetzt vielleicht, aber was ist mit Transmenschen vor dem Beginn der geschlechtsangleichenden Maßnahmen? (Oder denjenigen, die keine wünschen.) Es variiert. Manche Transmänner und weiblich-zugewiesenen genderqueeren Personen betrachten ihre Körper vor der Transition als weiblich und manche Transfrauen und männlich-zugewiesenen genderqueeren Personen betrachten ihre Körper vor der Transition als männlich. Aber manche Transmänner sagen auch: So ein Scheiß, ich bin männlich, ich war schon immer männlich – und mein Körper auch! Analog für die anderen Gruppen. Die Tendenz scheint zu dem zweiten Ansatz zu gehen (insbesondere bei Transmenschen auf dem weiblich-zu-männlich-Spektrum [FTM-Spektrum]). Natürlich ist jede Form der Selbstbeschreibung/Selbstverortung korrekt und jede_r kann seinen_ihren Körper nennen, wie auch immer er_sie will.

Warum sollt man nicht „männlich sozialisiert“ oder „weiblich sozialisiert“ sagen? Erst einmal weißt du das gar nicht, ob eine Transfrau männlich, ein Transmann weiblich sozialisiert wurde. Manche Transmenschen erkennen bereits sehr sehr früh in ihrem Leben ihre wahre Geschlechtsidentität, manchmal schon im Alter von etwa 3 Jahren, wenn die Kinder gerade anfangen zu verstehen, was die Worte sie und er, Mädchen und Junge heißen sollen. Einige Eltern unterstützen ihre Transkinder sehr gut und lassen sie bereits in ihrem Geschlecht leben, melden sie so zur Schule an. Somit sind ein Teil der Transjungen/-männer – nach den ersten drei oder wie viel auch immer Jahren – männlich sozialisiert worden, ein Teil der Transmädchen/-frauen entsprechend weiblich. Zweitens: Mädchen, oder genauer gesagt weiblich-zugewiesene Kinder werden bei ihrer Geburt nicht in eine rosa Blase gepackt, die sie von allen maskulinen Einflüssen schützt; Jungen, oder korrekterweise männlich-zugewiesene Kinder wachsen auch nicht in einer hellblauen Blase auf. Geschlechtliche soziale Einflüsse kommen aus allen Richtungen, nicht nur von den Eltern, sondern auch Geschwistern, Freund_innen, Lehrer_innen, Büchern und Fernsehen. Kleine „Mädchen“ lernen auch, wie Jungen und Männer sich angeblich verhalten (sollen) und kleine „Jungen“ lernen auch, wie Mädchen und Frauen sich angeblich verhalten (sollen). Denk darüber nach: Den meisten kleinen „Jungen“ wird heutzutage nicht mehr gesagt, dass Jungen angeblich nicht weinen, sondern die Zähne zusammenbeißen – aber es reicht völlig, wenn sie einen fremden Erwachsenen es zu einem anderen kleinen „Jungen“ auf dem Spielplatz sagen sehen. So gelangt der Gedanke, dass Weinen unmännlich sei, in die Köpfe der Kinder egal welches Geschlechts (= welcher Geschlechtsidentität) und welcher Geschlechtszuweisung. Wie viel der Sozialisation für Kinder ihres tatsächlichen Geschlechts Transkinder für sich auf- oder annehmen kann man schlecht sagen, wahrscheinlich variiert es von Kind zu Kind und danach, wie bewusst es sich seiner Geschlechtsidentität schon ist und wie tolerant die Eltern gegenüber geschlechtsvariablem (geschlechts“unpassendem“) Verhalten sind. Nichtsdestotrotz, ich muss es kaum erwähnen, kann sich natürlich eine Transperson als männlich oder weiblich sozialisiert selbst beschreiben und es steht niemandem zu, ihr das zu verwehren. Wasauchimmer für Wörter sie wählt um sich selbst zu beschrieben, sie sind korrekt.

Ein Kommentar zum Englischen: Es gibt Argumente für und wider „sex assigned at birth“ und „gender assigned at birth“. Einerseits erfolgt die Zuordnung aufgrund des Anblicks der Genitalien des Neugeborenen (bei uneindeutigem Aussehen wird manchmal ein Chromosomentest oder ein Test der Zellen in den Gonaden [= Keimdrüsen, also Hoden oder Eierstöcke] hinzugezogen), was für sex spricht, andererseits ist es das (soziale) Geschlecht, indem die Eltern beabsichtigen, das Kind zu erziehen, oder die Geschlechtsidentität, die ihm aufgedrückt wird. Die Unterscheidung ist hier aber nicht so wichtig.

(3) Anatomisches oder körperliches Geschlecht, manchmal auch biologisches Geschlecht

[Englisch: sex]

Wow, sind wir „schon“ bei Definition 3? Das ging aber schnell *hust hust*.

Diese wird sicher ganz einfach, nicht wahr? „Hat einen Penis“ = anatomisch/körperlich/biologisch männlich, „kein Penis“ = anatomisch/körperlich/biologisch weiblich, oder? Pure Biologie, keine Schwierigkeiten? Oder auch nicht.

Erst einmal, auch das körperliche Geschlecht ist ein soziales Konstrukt. Halt, werden viele Leser_innen sagen, es ist biologisch, es ist kein soziales Konstrukt! Ist es aber doch. Die einzelnen Geschlechtsmerkmale sind biologisch. Die Interpretation einer Zusammenfassung mehrerer Geschlechtsmerkmale als männliches oder weibliches Geschlecht ist gesellschaftlich.

Schauen wir uns die Geschlechtsmerkmale an.

Primäre (bei der Geburt, vor der Pubertät vorhandene) Geschlechtsmerkmale, die als weiblich betrachtet werden: Eierstöcke, Gebärmutter, Vagina, Vulva, XX-Geschlechtschromosomen (obwohl wir bereits gesehen haben, dass sie variieren können).

Sekundäre (in der Pubertät entwickelte) Geschlechtsmerkmale, die als weiblich betrachtet werden: Brüste, keine Gesichtsbehaarung, hohe Stimme, kein sichtbarer Adamsapfel, wenige, hellere, weiche Haare an den Armen, Beinen, Brust, Bauch und Rücken, Monatsblutungen, Östrogen und Progesteron, die durch die Blutgefäße fließen.

Primäre Geschlechtsmerkmale, die als männlich betrachtet werden: Hoden und Hodensack, Penis, XY-Geschlechtschromosomen (wobei wir bereits gesehen haben, dass sie variieren können).

Sekundäre Geschlechtsmerkmale, die als männlich betrachtet werden: Gesichtsbehaarung, keine Brüste, tiefe Stimme, sichtbarer Adamsapfel, viele, dunklere, gröbere Haare mindestens an den Armen und Beinen, oft auch an Brust, Bauch und Rücken, im der Lage Spermien zu produzieren, Testosteron im Blutkreislauf.

Primäre Geschlechtsmerkmale, die als Indikatoren für Intersexualität betrachtet werden oder werden können: vergrößerte Klitoris, Mikropenis (beachte, dass Klitoris und Penis im Prinzip dasselbe Organ sind; ob es sich um eine vergrößerte Klitoris oder einen Mikropenis handelt, kann eine Frage der Interpretation sein), teilweise oder vollständig miteinander verwachsene Schamlippen, an der Unterseite teilweise offener Penis, Hypospadie (Harnröhre endet an der Unterseite des Penis), Epispadie (Harnröhre endet an der Oberseite des Penis), eine blind endende Scheide, lebensbedrohliche Störungen im Salzhaushalt (AGS = Adrenogenitales Syndrom), Streak-Gonaden (die Zellen in den Keimdrüsen haben sich weder zu Eierstockzellen noch zu Hodenzellen ausgebildet; beide Arten Zellen im selben Menschen können nur bei Mosaiken auftreten), XY-Chromosomen und weiblich aussehende primäre Geschlechtsmerkmale (z.B. teilweise oder vollständige Androgenresistenz), XX-Chromosomen und männlich aussehende primäre Geschlechtsmerkmale.

X, XXX, XXXX bei weiblichem Phänotyp (Erscheinungsbild) und XXY, XXXY, XYY bei männlichem Phänotyp werden meistens nicht als Intersexualität betrachtet; jedoch können bei Gentests X-Frauen das Ergebnis „männlich“, XXY- und XXXY-Männer das Ergebnis „weiblich“ erhalten, denn oft wird auf den Barr-Körper (Geschlechts-Chromatin) getestet, das inaktive X (bei XX-Menschen ist ein X aktiv, das andere inaktiv; bei XY-Menschen ist das X aktiv; in typischen Fällen ist also ein inaktives X ein Zeichen für Weiblichkeit).

Sekunde Geschlechtsmerkmale, die als Indikatoren für Intersexualität betrachtet werden oder werden können: fehlende Brustentwicklung, fehlendes Wachstum von Penis und/oder Hoden, fehlende Entwicklung der Schambehaarung, kein Einsetzen der Menstruation oder von Ejakulationen, keine Spermien im Ejakulat, Unfruchtbarkeit, sekundäre Geschlechtsmerkmale entgegen denen, die erwartet wurden.

Ignorieren wir intersexuelle Menschen für den Rest dieses Abschnittes, um es etwas einfacher und übersichtlicher zu halten.

Stell dir eine Frau mit sehr haarigen Beinen vor. Würdest du sie als Mann bezeichnen? Sicherlich nicht. Wie ist es mit einem Mann, der – außer Schamhaaren – kaum Haare am Körper hat und auch während der Pubertät nur sehr wenige Barthaare entwickelt hat? Es würde dir vermutlich überhaupt nicht auffallen. Ein Typ ohne sichtbaren Adamsapfel? Immer noch ein Mann. Eine Frau, die wegen einem Hormon- oder Jodungleichgewicht einen sichtbaren Adamsapfel hat? Immer noch eine Frau. Was ist mit einem Mann, der seinen Penis und/oder seine Hoden bei einem Unfall oder im Krieg verloren hat? Immer noch ein mannhafter Mann. Was wäre mit einem Mann, der schon bei der Geburt keinen Penis hatte, z.B. weil sich die Blase außerhalb des Körpers gebildet hat? Vielleicht wird er noch nicht einmal als intersexuell eingestuft, falls sich seine Hoden normal entwickelt haben. Was ist mit einer Frau mit Körbchengröße A oder darunter? Mit einer Frau, deren Gebärmutter entfernt wurde (was bei etwa einem Drittel aller Cisfrauen gemacht wird, denn es ist nach dem Klimakterium [Wechseljahren] oft die beste Behandlungen bei Erkrankungen der Gebärmutter), hört sie auf, eine Frau zu sein? Wohl kaum. Was ist mit dem Klimakterium selbst, wenn die Frau keine Regelblutungen mehr bekommt und sich nur noch sehr wenig Östrogen und Progesteron im Körper befindet – sind ältere Frauen Neutrums? Was ist mit Männern mit Moobs (Men-Boobs, Männerbrüsten) in Körbchengröße A, B oder C? Du siehst, die Weiblichkeit oder Männlichkeit von Geschlechtsmerkmalen ist nicht in Stein gemeißelt.

Und, wie bereits weiter oben angerissen: Auch ein Transmann, dessen Geschlechtsmerkmale noch zu 100% dem entsprechen, was traditionell als anatomisch weiblich betrachtet wird, bezeichnet seinen Körper ggf. als männlich, da er nun mal ein Mann ist. Ebenso bezeichnen auch manche Transfrauen, deren Geschlechtsmerkmale noch 100%ig das sind, was  traditionell als anatomisch männlich angesehen wird, ihren Körper als weiblich, da sie nun mal eine Frau ist. Und daran ist genau gar nichts falsch. Und es ist auch nichts falsch daran, dass andere Transmänner und Transfrauen es – für ihren Körper – ggf. genau umgekehrt sehen und bezeichnen.

Ein letztes Wort über Chromosomen (wir hören jetzt auf, intersexuelle Menschen zu ignorieren): Selbst wenn wir XY-Frauen mit kompletter Androgenresistenz ignorieren und sogar den Fall außen vor lassen, dass das SRY-Gen (Sex-determining region of Y) from Y-Chromosom abbricht und sich auf dem X-Chromosom ansiedelt, haben wir immer noch ungefähr 30 weitere bekannte Gene (3 auf dem X, das eine erwähnte auf dem Y, die andere auf Autosomen = Nicht-Geschlechts-Chromosomen), die zu XY-Frauen mit einem typisch weiblichen Phänotyp (Vuvla etc.) oder XX-Männern mit einem typisch männlichen Phänotyp (Penis etc.) führen können. In extrem seltenen Fällen haben XY-Frauen sogar Babys zur Welt gebracht! Falls du also jemals das Bedürfnis hast Dinge zu sagen wie „Aber $Person wird immer ein Mann sein, denn er hat ein Y-Chromosom!“ oder „Aber $Person wird immer eine Frau sein, denn sie hat kein Y-Chromosom“, dann sag einfach überhaupt nichts, kthxbye. Das trifft auf intersexuelle Menschen jedweder äußeren Erscheinung und auf Transmenschen zu.

Und ein allerletztes Wort über grundlegende Höflichkeit: Wie die Genitalien einer anderen Person aussehen geht dich nichts an. Daran ändert sich nichts, wenn diese Person trans* oder intersexuell ist. Also frag nicht danach!

(4) Neurologisches Geschlecht

[Englisch: neurological sex]

Schon bei der Geburt weiß unser Hirn einige Dinge über unseren Körper. Ja, es gibt eine Menge zu lernen, z.B. wie man sich nicht in die Hosen macht und wie man auf zwei Beinen läuft, aber einige Dinge sind bereits da. Zum Beispiel, welche Sexualorgane wir haben und was man so ganz grob mit ihnen anstellen kann. Das ist offensichtlich ein großer evolutionärer Vorteil, Tierarten, die das nicht wissen, sterben ziemlich schnell wieder aus. Du glaubst, dieses Wissen ist komplett erlernt und kommt erst wenn in der Pubertät die Geschlechtshormone rapide ansteigen? Da liegst du falsch. Wenn dich der Gedanke verstört, dass dreijährige Kinder bereits masturbieren, solltest du nie einen Blick in Bücher und Broschüren über die Entwicklung von Kleinkindern werfen. Geschlechtshormone gibt es bereits vor der Geburt in unserem Körper. Die falsche Menge davon, vom falschen Hormon oder zur falschen Zeit – ich sollte besser untypisch schreiben, falsch trifft es nicht – können zu (manchen Arten von) Intersexualität führen, das ist gut erforscht. (Dafür wird auch der Begriff DSD = Disorders of Sex Development verwendet. Es gibt Argumente für und gegen die Verwendung von DSD anstelle von oder zusätzlich zu Intersexualität, einige intersexuelle Menschen verwenden den Begriff, andere lehnen ihn ab. ISNA, der Nordamerikanische Intersexuellen-Verband, hat zwei Artikel dazu geschrieben: DSD But Intersex Too: Shifting Paradigms Without Abandoning Roots and Why is ISNA using “DSD”?. Kurz zusammengefasst empfehlen sie die Verwendung von DSD,. wenn es um die medizinische Behandlung von Kleinkindern geht – einschließlich ihres Schutzes vor unerwünschten Operationen – und die weitere Verwendung des Begriffes intersexuell, wenn es um Organisationen von Erwachsenen geht, um Selbstbeschreibung und gegebenenfalls um Geschlechtsidentität.) Andere untypische Hormonmengen oder Zeitpunkte, wann sie ausgeschüttet wurden, führen möglicherweise zu Homo-, Bi- und Asexualität, was aber noch nicht wissenschaftlich nachgewiesen ist. Ähnlich wahrscheinlich, aber auch noch nicht bewiesen, ist, dass bestimmte untypische Hormonmengen oder Zeitpunkte vor der Geburt auch die Ursache für Transsexualität / Geschlechtsdysphorie ist.

Wie fühlt sich Geschlechtsdysphorie an? [Triggerwarnung für den Rest des Absatzes für Transmenschen, die von anschaulichen Beschreibungen von Geschlechtsdysphorie getriggert werden könnten.] Geschlechtsdysphorie ist zu wissen, dass du einfach keinen Penis haben dürftest, aber da ist trotzdem einer. Geschlechtsdysphorie ist, nicht ins Bad gehen zu können, weil da ein Spiegel ist und du darin dein feminines oder maskulines Gesicht sehen könntest. Geschlechtsdysphorie ist, wenn ein kleines Transmädchen nachts weinend und schreiend aufwacht, weil sie wieder mal einen Alptraum hatte, dass sie älter wird und ihr Körper überall von Haaren bedeckt sein wird. Geschlechtsdysphorie ist, deinen Penis so sehr zu hassen, dass die Gefahr besteht, dass du dich selbst verletzt, wenn die Krankenkasse die geschlechtsangleichende Operation nicht bezahlt. Geschlechtsdysphorie sind Depressionen, verursacht durch die falschen Hormone in deinem Körper. Geschlechtsdysphorie ist beim Rasieren weinen, weil aus deinem Gesicht keine Haare wachsen dürften. Geschlechtsdysphorie ist, deine Brüste aus ganzem Herzen zu hassen. Geschlechtsdysphorie ist, ein Foto von dir zu sehen oder dein Spiegelbild und zu denken: „Oh mein Gott, ich sehe aus wie eine Frau|ein Mann, ich muss mich übergeben!“, während alle anderen nur mit den Schultern zucken und sagen: „Aber du bist doch eine Frau|ein Mann.“ Geschlechtsdysphorie ist, wenn du deine Erektionen psychisch unerträglich findest, auch wenn kein Mensch in der Nähe ist, der sie sehen könnte. Geschlechtsdysphorie ist, deine Periode zu hassen, nicht nur für die Unannehmlichkeiten und körperlichen Schmerzen, die sie vielleicht auslöst, sondern weil du weißt, dass aus dir kein Blut raus fließen dürfte. Geschlechtsdysphorie ist, wenn sich Selbstbefriedigung und Sex falsch anfühlen, und das was falsch ist, ist dein Körper. Geschlechtsdysphorie sind viele Arten von unerträglichen seelischen Qualen.

Nicht alle Transmenschen erleben alle Formen von Geschlechtsdysphorie, die ich hier beschrieben haben. Es gibt zahlreiche Transfrauen, die kein Problem mit ihrem Penis haben (und manche auch keine mit Erektionen) – deshalb war/ist es ein schreckliches Verbrechen, geschlechtsangleichende Operationen vorzuschreiben, um das rechtliche Geschlecht ändern zu dürfen! Manchen Transfrauen macht es nicht besonders viel aus, sich täglich rasieren zu müssen, einige würden es sogar bleiben lassen, wenn ihnen dann nicht Cismenschen (und sogar manche andere Transmenschen) das Frausein absprechen würden. Während ein Teil der Transmänner ihren Uterus so schnell wie möglich loswerden will, wollen einige sogar schwanger werden (laut informeller Umfragen um die 5% … was vielleicht nicht mal so viel höher liegt als bei Cismännern, nur dass die es nicht können?) – Gesetze, die verlang(t)en, dass Transmenschen unfruchtbar sein müssen (und in manchen Ländern wie Schweden sogar gelagerte Eizellen und Spermien zerstört sein müssen!) um das rechtliche Geschlecht ändern zu können, waren/sind auch Menschenrechtsverletzungen. Auch für alle anderen im vorhergehenden Absatz aufgeführten Beispiele von (Auslösern für) Geschlechtsdysphorie gilt: Nicht alle Transmenschen erleben alle davon – das macht sie nicht weniger trans und nicht weniger weiblich oder männlich! Sogar Menschen, die überhaupt keine Geschlechtsdysphorie erleben und keinerlei geschlechtsangleichende Maßnahmen wünschen, können Transmänner, Transfrauen oder genderqueer (= nicht-binär) sein, denn das hängt nur von der Geschlechtsidentität ab, zu der wir als nächstes kommen. Außerdem brauchen einige Transmenschen bestimmte medizinische Maßnahmen schlichtweg nicht: Manche Transmänner haben sehr kleine Brüste und es stört sie nicht, sie einfach nur als Moobs zu bezeichnen; einige Transfrauen hatten noch nie besonders viele Haare im Gesicht; einige sehen (für ihren eigenen Geschmack oder um der Gesellschaft zu „paßen“ (passen, als ihr richtiges Geschlecht gelesen werden) hinreichend maskulin, feminin oder androgyn aus, ohne dass sie Hormone nehmen.

Aber die Mehrheit der binären Transmenschen (also Transmänner und Transfrauen) und vielleicht die Hälfte (keiner weiß das so genau) der genderqueeren (= nicht-binären) Transmenschen erlebt und leidet unter Geschlechtsdysphorie und wünscht den Körper zu modifizieren, so dass die Anatomie dem entspricht, was das Gehirn vorgibt, wie ihr Körper hätte sein sollen – und ihnen diese medizinischen geschlechtsangleichenden Maßnahmen zu verwehren oder sie aus dem Katalog der Leistungen von Krankenkassen auszuschließen ist ebenfalls eine monströse Verletzung der Menschenrechte! Beachte, dass die meisten Veränderungen durch Hormone und Hormonblocker erreicht werden, die allmählich über einen längeren Zeitraum von Monaten oder Jahren wirken (die zweite Pubertät), es gibt keine einmalige „Geschlechtsumwandlung“ an einem Tag, dieses Wort sollten Cismenschen aus ihrem Vokabular streichen. Die Hormongaben werden teilweise als HRT = Hormon Replacement Therapy (Hormonersatztherapie) bezeichnet (was aber auch der Begriff für Hormongaben an Cisfrauen in/nach den Wechseljahren ist), teilweise in der englischen Transcommunity inzwischen als EEI für Exogenous Endocrime Intervention, von außen kommender endokriner Eingriff.

Viele Transfrauen und einige bei der Geburt männlich zugewiesenen genderqueere Personen (wobei „einige“ hier heißt: ein unbekannter Prozentsatz) führen die folgenden medizinischen geschlechtsangleichenden Maßnahmen durch oder wünschen sie sich, bzw. einen Teil davon:

  • Testosteronblocker (Antiandrogene), um die – für sie – schrecklichen Auswirkungen des Testosterons aufzuhalten: Die Maskulinisierung des Körpers, Haarausfall und unmittelbar durch das Testosteron ausgelöste Depressionen/Dysphorie (es ist nicht hundertprozentig sicher, ob es das gibt, aber da einige Transfrauen sich schon ein oder zwei Wochen nach der ersten Einnahme von Testosteronblockern und/oder Östrogen besser fühlen, obwohl die körperlichen Auswirkungen von Hormonen und Hormonblockern erst ganz allmählich über einen längeren Zeitraum eintreten, gibt es einige Anzeichen, dass es für manche so ist). Wenn Testosteron blockiert wird, verliert der Körper schnell viel Muskelmasse (das kann teilweise durch Training verhindert werden, wenn gewünscht; Training kann auch nötig sein, um die Knochendichte aufrecht zu erhalten).
  • Östrogen (Tabletten oder Spritzen) um Brustwachstum auszulösen, die Haut weicher/dünner zu machen, die Körperbehaarung ein klein wenig zu reduzieren und die Haare weniger grob zu machen, und das Körperfett von einem maskulinen Muster (am Bauch) zu einem femininen Muster hin (an Po und Hüften) zu verteilen (und um die direkte Depression/Dysphorie zu stoppen, siehe Testosteronblocker).
  • In manchen Ländern scheint es verbreitet zu sein, Transfrauen (und männlich zugewiesenen genderqueeren Personen, die eine Feminisierung ihres Körpers wünschen) Progesteron zu geben, in anderen völlig unüblich. Möglicherweise führen Progesterongaben zu einem höheren Brustwachstum – oder auch nicht.
  • Manche nehmen zusätzliche Medikamente gegen Haarausfall.
  • Die meisten wünschen permanente Haarentfernung mit Laser- oder Elektrobehandlung, mindestens der Gesichtshaare und oft auch der Körperbehaarung.
  • Logopädische Behandlung (Stimm- und Sprachtraining) für eine höhere, femininere Stimme.
  • Orchiektomie (Entfernung der Hoden) – wird oft zusammen mit der geschlechtsangleichenden Operation (nächster Punkt) durchgeführt
  • Geschlechtsangleichende Operation oder Genitaloperation: Hodensack und Penis werden in (Neo-)Vagina, Klitoris und Schamlippen umgeformt, die Harnröhre gekürzt und verlegt. (Sehr wenig Gewebe wird tatsächlich entfernt, nur die Hoden und die Schwellkörper, also sprich bitte nicht von „Penisabschneiden“, das ist Unsinn.) Manchmal werden die Schamlippen in einer separaten Operation geformt. Während, wie erwähnt, nicht alle Transfrauen die geschlechtsangleichende Operation der Genitalien wünschen, die Mehrheit will sie (und ein unbekannter Anteil der männlich zugewiesenen genderqueeren Personen ebenfalls).
  • Einige haben/brauchen/wollen andere Operationen: FFS (facial feminization surgery = Feminisierung des Gesichtes), Brustvergrößerung, Reduzierung der Größe des Adamsapfels und/oder eine (relativ riskante) Operation an den Stimmbändern.

Viele Transmänner und einige (= ein unbekannter Prozentsatz) weiblich zugewiesene genderqueere Personen (ich werde für beide Gruppen zusammen „Transpersonen auf dem FTM-Spektrum“ verwenden, der Begriff scheint innerhalb der Community verbreitet zu sein) führen die folgenden medizinischen geschlechtsangleichenden Maßnahmen durch oder wünschen sie sich, bzw. einen Teil davon:

  • Testosteron (als Creme oder Spritzen) für eine tiefe Stimme, Gesichts- und Körperbehaarung, Vergrößerung der Klitoris bis zu einem Mikropenis (Erinnerung: Klitoris und Penis sind im Prinzip dasselbe Organ; auch Erektionen sind möglich), Umverteilung des Fettes weg von Hüften und Po hin zum Bauch, und mehr Muskeln, selbst mit wenig oder gar keinem Training.
  • Östrogen-Blocker sind, falls die erste Pubertät bereits abgeschlossen wurde, nicht notwendig, da sich durch die Östrogen-„Vergiftung“ ohnehin bereits Brüste ausgebildet haben.
  • In einigen Ländern scheinen Transpersonen auf dem FTM-Spektrum Progesteron zu bekommen, in anderen nicht. Progesteron kann genutzt werden, um die Monatsblutungen zu stoppen.
  • Mastektomie + Formung einer maskulinen Brust. Wird oft nur als Mastektomie oder Mastek bezeichnet (das wäre aber eigentlich nur die Entfernung der Brüste, wie bei einer Person mit Brustkrebs). Bevor sie endlich die Mastek haben, tragen die meisten sogenannte „Binder“, das sind enge, dicke, ärmellose Hemden, die die Brust eng an den Körper drücken. Das kann schmerzhaft sein und zu Atemnot führen, wenn der Binder den ganzen Tag getragen wird.
  • Viele, die Testosteron nehmen, lassen auch eine Hysterektomie durchführen (Entfernung von Gebärmutter, Muttermund = Gebärmutterhals, Eierstöcken und Eileitern). Ein Teil der Ärzt_innen empfehlen das, weil die Einnahme von Testosteron das Risiko für manche Erkrankungen der Gebärmutter erhöht. Aber nicht alle Transpersonen auf dem FTM-Spektrum lassen sich den Uterus herausnehmen, einige gehen auch einfach häufiger zu Vorsorgeuntersuchungen; andere jedoch finden solche Vorsorgeuntersuchungen nahezu unerträglich, [TW] da sie dazu ggf. zu einem_r Gynäkologen_in, also „Frauenarzt_ärztin“ gehen müssen, und diese_r zudem Finger oder Instrumente in eine Körperöffnung einführen müssen, die der Transmann oder die genderqueere Person gar nicht haben will.
  • Genitaloperationen: Bei Transpersonen auf dem FTM-Spektrum gibt es nicht die eine Genitaloperation, sondern eine ganze Reihe, manche Transmänner und weiblich zugewiesenen genderqueeren Personen haben überhaupt keine davon, manche eine, mehrere oder viele. Häufig sind mehrmonatige Heilungszeiten zwischen den Operationen nötig.  Einige lassen ihren durch Testosteron entstandenen Mikropenis verlängern auf ähnliche Weise wie manche Cismänner ihren Penis verlängern lassen (durch Durchtrennung der Haltebänder, was den sichtbaren Teil des Penis um 1-2 cm vergrößert; genannt Metoidioplastie, Metaoidioplastie oder Meta). Einige lassen aus den Schamlippen einen Hodensack formen, in den nach einiger Zeit der Dehnung Hodenprothesen eingefügt werden. Einige entscheiden sich dafür, den Vaginalkanal schließen oder entfernen zu lassen. Einige lassen ihre Harnröhre verlängern. Einige lassen eine Phalloplastie, also die Konstruktion eines Penisses durchführen – dafür wird Haut von anderen Körperteilen transplantiert. Einige lassen einen biegbaren Stab in den Penis einsetzen, der Erektionen ermöglicht oder unterstützt, oder andere technische/prosthetische  Hilfsmittel zu diesem Zweck. (Einige der genannten geschlechtsangleichenden Operationen können in eine Operation zusammengefasst werden.) Gegenwärtig lässt nur eine Minderheit der Transmänner (und weiblich zugewiesenen genderqueeren Personen) irgendeine Art von Genitaloperation durchführen. Ein Grund ist, dass bereits die Einnahme von Testosteron (durch Gel oder Spritzen) zu einem Penis von mehreren Zentimetern Länge führt, der auch für PIV-Sex (Penis-in-Vagina-Sex) genutzt werden kann. Ein anderer Grund ist, dass die FTM-Genitaloperationen noch nicht so zuverlässige Ergebnisse liefern wie die MTF-Genitaloperation. Sie sind riskanter, es gibt mehr Komplikationen und die Gefahr von Nervenschäden. Andererseits haben mir auch einige Transmänner gesagt, dass die Risiken gar nicht so hoch seien, und dass sie teilweise eine Art Großstadtlegenden innerhalb der FTM-Community sind. Ich kann nicht einschätzen, wie hoch die Risiken tatsächlich sind.

Zusätzlich hätten einige, aber nicht alle, Transpersonen gern begleitende Psychotherapie, um ihnen bei der Bewältigung der sozialen Änderungen während ihrer Transition zu helfen. Was sie nicht wünschen, sind Therapien, die versuchen sie zu überzeugen, dass sie „verwirrt“ sind bezüglich ihrer Geschlechtsidentität – sie sind nicht verwirrt! Erwachsene und ältere Teenager sind heutzutage nicht in sehr großer Gefahr, an eine_n Therapeuten_in zu geraten, die sie versucht zu überzeugen, dass sie in Wirklichkeit ihrem zugewiesenen Geschlecht zugehören, oder falls es so ist, können sie zu einer_m besseren Therapeuten_in wechseln Transkinder, jedoch, sind in extrem großer Gefahr, sogenannten „reparativen Therapien“ ausgesetzt zu sein! (Auch in Deutschland😦 .) Reparative Therapien für bisexuelle, lesbische und schwule Teenager und Erwachsene (also, die versuchen sie heterosexuell zu machen) werden heutzutage nicht mehr von Ärzt_innen und ordentlichen Therapeut_innen angeboten, sondern nur noch von fundamentalistischen religiösen Organisationen. Reparative Therapien für Transkindern hingegen existieren weiterhin und werden von normalen Kliniken angeboten! Sie versuchen, Transkinder (und geschlechtsausdrucksvariable [gender variant, gender non-confirming] Kinder, die sich möglicherweise später als trans herausstellen könnten) zu Ciskindern zu machen, d.h. ihre Geschlechtsidentät (und üblicherweise auch ihre Geschlechtspräsentation und ihren Geschlechtsausdruck) auf das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht auszurichten. Den Eltern wird gesagt, sie müssen dem Kind das „Crossdressen“ verbieten, ihnen die Spielzeuge wegnehmen, die angeblich nicht zu ihrem Geschlecht passen und das Kind dazu bringen/zwingen mit anderen (Cis-)Kindern des gleichen zugewiesenen Geschlechts zu spielen. Egal ob das Kind tatsächlich trans ist oder nur ein Ciskind, das gern die Kleidung des anderen Geschlechts trägt oder mit den dafür als typisch erachteten Spielsachen spielt – es ist sofort zu sehen, welcher riesige Schaden damit angerichtet wird! Nichtsdestotrotz werden Eltern dazu gedrängt. Eltern, die die medizinischen Entscheidungsrechte für ihr Kind verloren haben, z.B. nach einer Scheidung, werden ggf. nicht mal gefragt oder ihre Meinung ignoriert und ein Gericht oder ein_e Sozialarbeiter_in entscheidet. Die Lage ist nicht völlig hoffnungslos, es gibt auch Therapeut_innen und Kliniken, die Transkinder darin unterstützen, in ihrem wahren Geschlecht zu leben und rechtzeitig vor Beginn der Pubertät Hormonblocker zu erhalten.

Also, das war die Liste der medizinischen Behandlungen, die (einige) Transmenschen benötigen. Ich habe vorher erwähnt, dass diese notwendigen Behandlungen ihnen oft verwehrt werden. Das geschieht durch sogenanntes Gatekeeping. Ein Gatekeeper (Torwächter_in) ist jemand, der_die an einem Tor steht (in diesem Fall am Tor, hinter dem sich die gewünschten Hormone und Operationen befinden) und diejenigen, die hindurch gehen wollen, Fragen stellt, und die meisten aufhält oder stark verzögert. Transmenschen werden gezwungen, über alle möglichen künstlich geschaffenen Hürden zu springen, bevor es ihnen „erlaubt“ wird, Hormone zu nehmen. Sie müssen „beweisen“, dass sie wirklich trans sind / dass sie wirklich das Geschlecht haben, von dem sie sagen, dass sie es haben. („erlaubt“ in Anführungszeichen, weil niemand eine Erlaubnis braucht (brauchen sollte), um sein_ihr Menschenrecht auf medizinische Versorgung wahrzunehmen. „beweisen“ in Anführungszeichen, weil es nicht möglich ist, seine Geschlechtsidentität zu beweisen oder dass man unter Geschlechtsdysphorie leidet – die einfache Aussage muss genügen.) Je nach den Gesetzen im jeweiligen Land oder Bundesstaat, aber ggf. auch je nach Klinik, Arzt_Ärztin oder Therapeut_in können die Hürden stark variieren. Es kann sein, dass sie zuerst ihren Namen ändern müssen, so dass er zu ihrem Geschlecht passt, um Zugang zu transmedizinischer Versorgung zu erhalten – oder es kann sein, dass sie ihren Namen erst ändern können, nachdem sie bestimmte medizinische Behandlungen begonnen oder vollendet haben. (Du findest, es ist völlig widersinnig, dass es in einigen Ländern so ist und in anderen Ländern umgekehrt? Das ist es. So wie alle Formen von Gatekeeping.) Es kann sein, dass sie eine Mindestdauer an Psychotherapie nachweisen müssen – oder dass sie nur eine geringe Anzahl Therapiestunden genehmigt bekommen, obwohl sie mehr wollen. Es kann sein, dass sie gezwungen werden, erst einen „Reallifetest“ zu machen, was bedeutet, in ihrem „Zielgeschlecht“ / ihrer „Zielgeschlechtsrolle“ zu leben: das könnte 3 Monate dauern, oder 6 (so ist es meist in Deutschland), oder 1 Jahr (z.B. in Schottland) oder 2 Jahre (z.B. in England) oder der_die Therapeut_in ändert die Zeit immer mal wieder spontan (und ggf. müssen sie ein Familienmitglied oder eine_n Freund_in mitbringen, der_die bestätigt, dass die Transperson wirklich bereits in ihrem Zielgeschlecht lebt … und wehe diese Person benutzt einmal versehentlich das falsche Personalpronomen); für viele ist es zu unerträglich, das zu durchleben, ohne bereits Hormone einzunehmen und – wenigstens teilweise – das Erscheinungsbild ihres Körpers geändert zu haben. Es kann sein, dass sie zum_zur Therapeut_in in der Kleidung und ggf. dem Make-up gehen müssen, die ihrem Geschlecht entspricht – oder genauer gesagt, die den altmodischen Vorstellungen des_der Therapeuten_in entspricht. Es wurden Transfrauen Hormone und Hormonblocker verweigert, weil sie Hosen trugen. Es gibt Transmänner, die keine Hormone bekommen haben, weil sie noch auf ihrem alten Damenrad fuhren. Ich mache keine Witze. Wegen dieser schwer zu erfüllenden Kriterien, bestellen sich viele Transfrauen und männlich zugewiesene genderqueere Personen Testosteronblocker und Östrogen bei Internetapotheken (in Ländern, wo dies möglich ist, z.B. in den USA). Das ist riskant, denn hohe Dosen von Östrogen können zu Herzinfarkten führen (oder sogar relativ niedrige Dosen, wenn die Person eine Vorerkrankung hat). Testosteron kann man nicht ohne Rezept bekommen, da der Verkauf gesetzlich beschränkt ist. In Großbritannien lassen sich viele Transmenschen privat behandeln, was sie aus eigener Tasche bezahlen müssen, statt die kostenlose/steuerfinanzierte NHS-Versorgung zu nutzen, um um den Reallifetest herumzukommen oder ihn dramatisch abzukürzen.

Das Gatekeeping muss aufhören! Transmenschen dürfen nicht mehr dazu getrieben werden, sich ohne ärztliche Überwachung selbst zu behandeln oder für medizinische Behandlungen, die ihnen kostenfrei zu stehen, selbst zu bezahlen und sich dafür oft zu verschulden. Hormone und geschlechtsangleichende Operationen müssen auf Wunsch verfügbar sein, nur abhängig von medizinischer Beratung (Informationen über die zu erwartende Wirkung und Überprüfung, ob es medizinische Gründe gibt, eine Behandlung nicht zu machen).

Hinweis: Außer der Geschlechtsdysphorie, die sich auf den Körper bezieht, gibt es auch soziale Geschlechtsdysphorie, die Dysphorie (Traurigkeit, emotionalen Schmerzen) darüber/dadurch, als Mann oder als Frau behandelt zu werden, wenn man das nicht ist – den falschen Namen gerufen zu werden, mit den falschen Personalpronomen benannt werden, als Herr oder Frau soundso angesprochen zu werden, im Englischen mit sir oder mam tituliert werden, oder unmittelbar gesagt bekommen „Du bist ein Mann/eine Frau/mein Sohn/meine Tochter/…“. Beides ist schlimm, die körperliche und die soziale Geschlechtsdysphorie.

(5) Geschlechtsidentität

[Englisch: gender identity]

Personen, die sich als weiblich betrachten, weibliche Personalpronomen bevorzugen und es vorziehen, als Mädchen/Frau/Schwester/Tochter/… bezeichnet zu werden, haben eine weibliche Geschlechtsidentität. „Identifiziert sich als weiblich/Frau“ und „ist weiblich/eine Frau“ ist dasselbe.

Personen, die sich als männlich betrachten, männliche Personalpronomen bevorzugen und es vorziehen, als Junge/Mann/Bruder/Sohn/… bezeichnet zu werden, haben eine männliche Geschlechtsidentität. „Identifiziert sich als männlich/Mann“ und „ist männlich/ein Mann“ ist dasselbe.

[Die englischen Begriffe im folgenden Abschnitt sind im deutschen Sprachraum teilweise (noch) nicht etabliert.]

„Genderqueer“ ist eine Sammelbezeichnung für nicht-binäre Geschlechtsidentitäten, also Personen, die sich als zwischen männlich und weiblich, sowohl männlich als auch weiblich, weder männlich noch weiblich, geschlechtslos, drittes Geschlecht oder ohne Bezug auf das binäre Geschlechtssystem identifizieren. Man kann drei grobe Gruppen von genderqueeren / nicht-binären Identitäten unterscheiden, um das Verständnis zu erleichtern:

  1. Androgyn (was aber auch eine Form des Geschlechtsausdrucks ist, siehe weiter unten), intergender oder genderqueer im engeren Sinne (statt als Sammelbegriff) – Identitäten auf einem Spektrum zwischen männlich und weiblich. Personen relativ genau in der Mitte benutzen eher „androgyn“. Personen auf der weiblichen Seite des Spektrums benutzen oft den Begriff „genderqueere Frau“ und manchmal „female of center“ oder „auf dem MTF-Spektrum“ (letzteres, falls ihnen bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde; „auf dem MTF-Spektrum“ scheint nicht sehr oft verwendet zu werden). Personen auf der männlichen Seite des Spektrums benutzen teilweise den Begriff „genderqueerer Mann“, „male of center“ oder häufig „auf dem FTM-Spektrum“ (falls ihnen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde). [Welche Begriffe ich als häufig oder selten verwendet wahrnehme, ist davon beeinflusst, welchen US-amerikanischen, britischen und deutschen trans* Blogs, Forums, Tumblrs und Twitterern ich folge, ich könnte also falsch liegen.]
  2. Agender, neutrois, geschlechtsneutral, geschlechtslos: Manche Menschen haben keine Geschlechtsidentität, manche haben eine und sie ist agender/neutrois/neutral, für manche macht das keinen Unterschied (aber für andere schon, also nimm bitte nicht an, dass es egal ist – biete z.B. in Formularen, die das Geschlecht (= die Geschlechtsidentität) abfragen, auch die Option „keins“ an). Ich habe öfter gelesen, dass „neutrois“ impliziert, dass die Person medizinische geschlechtsangleichende Maßnahmen wünscht, während „agender“ der umfassendere Begriff ist, der sowohl transsexuelle (= körperlich genderdysphorische) als auch „nur“ transidente Menschen einschließt. Ich habe aber auch vehemente Ablehnungen dagegen gelesen, dass „neutrois“ die transsexuelle Variante von „agender“ sei. Also vielleicht ist das nicht der Unterschied, oder es gibt keinen. Manche agender Menschen bezeichnen sich nicht selbst als genderqueer (vielleicht als Abgrenzung zu genderqueer im engeren Sinne, siehe 1). Einige nicht-transsexuelle agender Personen bezeichnen sich auch nicht als trans/trans* (z.B. weil sie es vermeiden wollen, ein Wort für sich verwenden, das ihnen vielleicht nicht zustehe). Hinweis für Cismenschen über agender/Geschlechts(identitäts)losigkeit: Vielleicht denkst du gerade: „Hey, ich fühle mein(e) Geschlecht(sidentität) eigentlich auch nicht so wirklich, vielleicht bin ich ja agender?“ Einerseits ist das nicht völlig unmöglich. Andererseits schrieb jemand dazu mal: „Wenn Unterwäsche passt, bemerkt man sie nicht.“ So ist es auch mit Geschlechtsidentitäten, wenn du kein Problem mit dem Geschlecht hast, das dir zugewiesen wurde, wirst du es auch nicht großartig bemerken.
  3. Bigender (männlich+weiblich), bigender (zwei andere Geschlechter, z.B. männlich+genderqueer), multigender (drei oder mehr Geschlechter/Geschlechtsidentitäten, offensichtlich), genderfluid (die Geschlechtsidentität verändert sich im Verlauf von Minuten, Tagen oder Monaten, je nach Person), aber auch multiple, plural & median (Menschen mit mehreren Persönlichkeiten/Personas/head mates/Alters mit zwei oder mehr verschiedenen Geschlechtern; es könnte ein Mensch mit Dissoziativer Identitätsstörung durch Trauma sein oder aber auch ein gesundes System, bei dem es beim Wechsel zwischen den Persönlichkeiten nicht zu Gedächtnisverlusten kommt).

Nicht wirklich eine genderqueere Geschlechtsidentität, aber auch nicht binär: Manche intersexuellen Personen, die sich nicht als (nur) männlich oder (nur) weiblich identifizieren, sondern als beides, keins oder dazwischen, bezeichnen ihre Geschlechtsidentität als „intersexuell“. (Andere intersexuelle Personen betrachten „intersexuell“ als Teil ihrer Identität, aber nicht als ihre Geschlechtsidentität. Wieder andere sehen es nur als medizinischen Fakt, körperliche Variation, evtl. auch als Krankheit, Behinderung oder Störung, aber nicht als Teil ihrer Identität.)

In der englischsprachigen Transcommunity haben sich zwei geschlechtsneutrale Pronomen durchgesetzt, einerseits „singular they“ (mit their/them/themself – statt themselves) und andererseits das erfundene Pronomen ze (mit entweder zir/zir/zirself oder zir/zim/zimself oder einer Kombination oder Variation davon). Aber es gibt auch andere, etwa ey/eir/em/emself oder xe. Im Deutschen gibt es einige Versuche, etwa sier/sihr(e)/sihm/sihn oder andere Versuche, männliche und weibliche Pronomen miteinander zu verknüpfen, aber es hat sich noch keine weit verbreitet. Die Höflichkeit gebietet es, genau die Pronomen zu benutzen, um die eine Person gebeten hat. „Aber das ist erfunden“ ist kein Argument.

Hinweis: Im Englischen wird in einem Trans*-Kontext oft einfach „gender“ statt „gender identity“ gesagt. „gender“ hat aber auch die WHO-/feministische Bedeutung (siehe (7)), in der es im Deutschen verwendet wird. Verwechsle die beiden nicht. Verwechsle sie vor allem nicht absichtlich (das geht an die TERFs).

(5a) Angeborene Geschlechtsidentität

[Englisch: innate gender identity]

Manche (also ein nicht bekannter Prozentsatz) der Transmenschen empfindet ein starkes angeborenes (nicht-erlerntes) Wissen, dass sie männlich, weiblich oder genderqueer sind. Sie würden Behauptungen, dass sie ein Mann, eine Frau oder eine Person anderen Geschlechts „sein wollen“ vehement ablehnen. Manche von ihnen haben jahrzehntelang versucht, ihr wahres Geschlecht zu unterdrücken und abzulehnen, und haben es nur akzeptiert, weil das Unterdrücken unerträglich wurde. Die meisten würden sagen, dass ihre Geschlechtsidentität eigentlich immer da war und sie sie nur entdecken /  herausfinden mussten und aufhören, sie zu unterdrücken.

Andere Transmenschen empfinden so etwas nicht. „Ein Mann/eine Frau/genderqueer sein wollen“ und „ein Mann/eine Frau/genderqueer sein“ könnte für sie genau das gleiche sein. Oder ihre Geschlechtsidentität ist für sie eine stark körperliche Sache, also damit verbunden, wie ihr Körper hätte sein sollen / wie er durch Hormoneinnahme und Operationen entsprechend ihren Wünschen wird/geworden ist (also mit ihrem neurologischen Geschlecht). Oder für sie war es eine Entscheidung, eine Frau oder ein Mann oder ein anderes Geschlecht zu werden / darin zu leben (während viele keine Wahl haben).

Also vielleicht gibt es eine angeborene Geschlechtsidentität oder vielleicht gibt es sie nicht oder vielleicht für einige Leute und für andere nicht oder sie ist bei manchen Leuten schwächer ausgeprägt (so dass sie vielleicht mehr Wahlmöglichkeiten haben, oder es könnte sein, dass sie es nur schwerer haben, ihre Geschlechtsidentität herauszufinden) und stärker bei anderen. Und für einige ist eine angeborene Geschlechtsidentität eine unbestreitbare Wahrheit und für andere könnte es schädlich sein, wenn sie versuchen, ihre „wahre“ Geschlechtsidentität herausfinden zu wollen (z.B. möchte eine Person gern eine Frau sein und wäre als Frau am glücklichsten und zufriedensten, aber sie befürchtet, dass sie vielleicht „in Wirklichkeit“ „nur“ genderqueer ist … oder umgekehrt).

Die Unterscheidung, die ich zwischen der angeborenen internen Geschlechtsidentität und der externen/gelebten Geschlechtsidentität sehe ist ungefähr so: Sagen wir, einer Person wurde bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen, sie bevorzugt weibliche Personalpronomen und neutrale sind für sie okay, sie/sier benötigt einen Testosteronblocker und Östrogen und muss ihre/sihre Hoden und Gesichtsbehaarung loswerden, um die Dysphorie zu bekämpfen, sie/sier mag ihre/sihre Haare kurz, hasst Röcke und findet, auf sie/sihn passt am besten die Identität der butchen Transfrau. Und eine andere Person hat vielleicht das gleiche bei der Geburt zugewiesene Geschlecht, die gleichen oder ähnliche bevorzugte Pronomen, benötigt die gleichen medizinischen Maßnahmen, um glücklich sein zu können, und ihre/siehre Geschlechtspräsentation ist auch ähnlich bis identisch, aber sie/sier identifiziert sich als genderqueere Frau. Also ihre internen/angeborenen Geschlechtsidentitäten, falls sie der Meinung sind / das Gefühl haben, dass sie sowas haben, könnte so etwas sein wie „female of center, definitiv viel weiter auf der weiblichen Seite, als mir zugewiesen wurde“, ihr neurologisches Geschlecht ist sowas wie „deutlich auf der weiblichen Seite“ und ihrer präferierter Geschlechtsausdruck ist „masculine of center“, und all das und möglicherweise noch weitere Dinge (vielleicht sogar ihre sexuelle Orientierung) beeinflussen zusammen, was ihr externe/gelebte/vielleicht auch „gewählte“ Geschlechtsidentität wird.

Ich bin nicht sicher, ob das alles einen Sinn ergibt. Das ist nur der Eindruck, den ich bekommen habe beim Lesen von Transblogs, -chats und -forums, die sich zuerst zu widersprechen schienen („Es gibt keine Geschlechtsidentität!“ „Gibt es doch, ich hab eine!“).

Natürlich wäre eine interne/angeborene/biologische Geschlechtsidentität nicht etwas, was nur Transmenschen hätten. Vielleicht haben viele Leute, die als Cismenschen leben und herumlaufen „in Wirklichkeit“ eine angeborene genderqueere Geschlechtsidentität, z.B. agender, sie bemerken es nur nicht, weil sie kein großes Unbehagen mit ihrem zugewiesenen Geschlecht erleben.

(6a) Geschlechtsmarkierung/-darstellung/-präsentation/-aufmachung

[Englisch: gender presentation]

Gender presentation, die äußere Darstellung unseres Geschlechts ist: Unser Haarschnitt. Unsere Kleidung. Unser Zubehör wie Handtaschen. Unser Make-up und Nagellack oder dessen Fehlen. Unser Schmuck.

Diese „Geschlechtsaufmachung“ findet auf einem Spektrum statt: feminin|femme|effeminiert — androgyn und genderfuck — maskulin|butch|(macho).

„Effeminiert“ ist nur eine Bezeichnung für feminine Männer und Jungen. Manchmal wird es als abwertend betrachtet, deshalb benutzen einige Männer es nicht gern. Aber ein Teil der femininen  Transmänner bevorzugt es, weil es die Verwechslungsgefahr mit Lesben und Frauen allgemein verringert.

Femme und butch waren ursprünglich Begriffe der lesbischen Community, aber sie werden auch von schwulen Männern gebraucht. Und letztendlich hat die Geschlechtspräsentation nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun, also können auch bi-, hetero- und asexuelle Menschen diese Begriffe verwenden. („Nichts damit zu tun“ ist vielleicht etwas zu stark, wahrscheinlich gibt es statistische Zusammenhänge. Es scheint mehr feminine schwule Männer als feminine Heteromänner zu geben und mehr butche Lesben als butche Heterofrauen … oder vielleicht trauen sie sich nur häufiger, die Geschlechtsnormen zu übertreten, wer weiß.)

Es ist nicht nur jede sexuelle Orientierung mit jeder Geschlechtspräsentation kombinierbar, offensichtlich passt auch jede Geschlechtsidentität mit jeder Geschlechtspräsentation zusammen. Frauen können femme, androgyn, genderfuck oder butch sein (oder irgendwas dazwischen oder außerhalb des Spektrums). Insbesondere, ich sollte es eigentlich nicht erwähnen müssen, können Transfrauen butch sein und das macht sie nicht zu Männern, genau so wenig wie es eine Cisfrau zu einem Mann machen würde. Männer können sich ebenso als femme/effeminiert, androgyn, genderfuck oder butch präsentieren (oder dazwischen oder außerhalb des Spektrums). Und muss ich extra sagen, dass auch Transmänner jede dieser Geschlechtspräsentationen wählen können, und dass feminine Transmänner nicht „ihre Transition bedauern“ oder irgendetwas in der Art? Natürlich gibt es wiederum statistische Zusammenhänge. Viele Frauen präsentieren sich feminin. Männer haben eine noch höhere Wahrscheinlichkeit, sich maskulin zu präsentieren (auch weil die Gesellschaft feminine Männer bestraft). Und viele genderqueere Personen streben einen androgynen Look an (aber es gibt auch femme und butch Menschen mit einer genderqueeren Geschlechtsidentität).

(6b) Geschlechtsausdruck (umfasst 6a, die geschlechtliche Aufmachung)

Der Geschlechtsausdruck umfasst einerseits Frisur, Kleidung und alles andere, was schon bei 6a genannt wurde, und darüber hinaus alle Verhaltensweisen, die als typisch männlich oder typisch weiblich betrachtet werden, in der Gesellschaft, in der die Person lebt. Unsere Auswahl an Beruf und Hobbys. Die Bücher, die wir lesen, die Fernsehsendungen, die wir uns ansehen und welche Spiele wir spielen. Wie wir mit anderen Sprechen. Wie wir unser Zimmer oder unsere Wohnung dekorieren. Ob wir Plüschtiere in unserem Bett haben. Bei Kindern: Mit welchen Spielzeugen sie spielen.

Um es mit den Worten von PFLAG, der Organisation der Eltern, Familienangehörigen, Freunde und Verbündeten von LGBT-Personen, zu sagen: Every gender expression is valid. Jeder Geschlechtsausdruck ist gleichermaßen zulässig und gültig. [Welcoming Our Trans Family and Friends]

(6c) Angeborener bevorzugter Geschlechtsausdruck

In ihrem Buch “Whipping Girl: A Transsexual Woman on Sexism and the Scapegoating of Femininity” [Eine transsexuelle Frau über Sexismus und das Zum-Sündenbock-Machen von Femininität] stellt Julia Serano eine interessante Frage (und beantwortet sie auch gleich): Warum haben einige Männer eine starke Präferenz für eine feminine Geschlechtspräsentation und einen femininen Geschlechtsausdruck, obwohl die meisten von ihnen strikt dagegen sozialisiert wurden und obwohl die Gesellschaft sie dafür bestraft, in Form von Spott, Weniger-ernst-genommen-Werden bis hin zu körperlicher Gewalt? Ebenso, warum haben einige Frauen eine starke Präferenz für eine maskuline Präsentation und einen maskulinen Ausdruck ihrer selbst, und warum gibt es das schon sehr lange, auch schon, als Mädchen und Frauen noch aktiv davon abgehalten wurden? Ihre Antwort: So wie sexuelle Orientierung, neurologisches Geschlecht und (interne) Geschlechtsidentität Dinge sind, mit denen wir wahrscheinlich geboren werden, werden wir wahrscheinlich auch mit einer Präferenz für Femininität oder Maskulinität geboren. Nicht in einem unmittelbaren Sinn wie eine Präferenz für Röcke, das wäre albern – schottische Männer sind im Durchschnitt nicht femininer als die in anderen Teilen der Welt. Eine Präferenz sich mit dem zu assoziieren, was in der jeweiligen Gesellschaft als feminin oder maskulin betrachtet wird.

(7) Gender, die WHO-Definition oder feministische Definition (wie sie auch in Gender-Studies-Vorlesungen verwendet wird)

[Englisch: gender; auf Deutsch wird auch der englische Begriff gender gebraucht und er wird im Gegensatz zum Englischen üblicherweise nur hierfür gebraucht.]

Die WHO [World Health Organization, Weltgesundheitsorganisation] schreibt:

Gender refers to the socially constructed roles, behaviour, activities and attributes that a particular society considers appropriate for men and women.

The distinct roles and behaviour may give rise to gender inequalities, i.e. differences between men and women that systematically favour one group.”

Zu Deutsch:

“Gender bezeichnet die sozial konstruierten Rollen, Verhaltensweisen, Aktivitäten und Eigenschaften, die eine bestimmte Gesellschaft als für Männer oder Frauen angemessen betrachtet.

Diese verschiedenen Rollen und Verhaltensweisen können Geschlechterungleichheiten verursachen, also Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die die eine Gruppe systematisch bevorzugen.”

Um es sonnenklar zu machen: In fast allen Gesellschaften/Kulturen auf unserem Planeten ist die bevorzugte Gruppe die der Männer, d.h. sie sind Patriarchate. Es gibt nur noch sehr wenige Matriarchate.

Wenn wir also sagen, dass „Gender/Geschlecht sozial konstruiert ist“, dann meinen wir damit, dass die Gründe für den geringen Prozentsatz von Frauen in Führungspositionen, die geringere Bezahlung für „typische Frauenberufe“, dafür dass Mädchen diese Berufe weiterhin wählen, dafür dass Frauen im selben Job weniger verdienen als Männer und so weiter und sofort in der Gesellschaft liegen und nicht in der Biologie.

Falls du versuchst, „Geschlecht ist sozial konstruiert“ zu benutzen, um die Existenz oder Legitimität von Transmenschen abzustreiten, krabbel bitte in das Loch zurück, aus dem du gekommen bist, und bleib dort.

(A) Sexuelle Orientierung (keine Definition von Geschlecht)

Nicht (8), weil es keine Bedeutung von Geschlecht ist. Da die meisten Transgender 101s nach den Erklärungen für sex und gender auch sexuelle Orientierung erwähnen, dachte ich mir, ich sollte das auch tun.

Transsexualität klingt zwar so ähnlich wie Hetero-/Bi-/Pan-/Homo-/Asexualität, hat aber nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun. Transsexuelle Menschen erklären körperliche Geschlechtsdysphorie und wünschen medizinische geschlechtsangleichende Maßnahmen. (Intersexuelle Menschen, die medizinisch transitionieren, rechnen sich teilweise selbst zu den transsexuellen Menschen, teilweise aber auch nicht.) Transidente Menschen, also Transmänner, Transfrauen und genderqueere Personen, sind Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. (Intersexuelle Menschen, die sozial transitionieren, rechnen sich teilweise zu den transidenten Menschen, teilweise nicht.) Transmenschen können jede erdenkliche sexuelle Orientierung haben, genau wie Cismenschen. Sie transitionieren nicht, um „heterosexuell zu werden“. Genau so wenig transitionieren sie wegen „Autogynophilie“ oder irgendeinem anderem Unsinn, der behauptet, Transmenschen machten ihren Körper zu dem, was sie sexuell begehren. Eine lesbische Transfrau ist eine lesbische Frau und kein heterosexueller Mann – das sollte ziemlich offensichtlich sein.

Für diejenigen, die sich fragen, ob ein Mann, der sich von einer Transfrau angezogen fühlt, schwul oder hetero ist, lasst uns zu den grundlegenden Definitionen zurückgehen:

  • Ein schwuler Mann ist ein [Cis- oder Trans-]Mann, der sich zu anderen [Cis- und/oder Trans-]Männern hingezogen fühlt und nicht zu Frauen. Es heißt nicht „zu Penissen hingezogen“.
  • Ein heterosexueller Mann ist ein [Cis- oder Trans-]Mann, der sich zu [Cis- und/oder Trans-]Frauen hingezogen fühlt und nicht zu Männern. Es heißt nicht „zu Vulvas/Vaginas hingezogen“.
  • Eine lesbische Frauen ist eine [Cis- oder Trans-]Frau, die sich zu anderen [Cis- und/oder Trans-]Frauen hingezogen fühlt und nicht zu Männern. Es heißt nicht „zu Vulvas/Vaginas hingezogen“.
  • Eine heterosexuelle Frau = eine [Cis- oder Trans-]Frau, die sich zu [Cis- und/oder Trans-]Männern hingezogen fühlt und nicht zu Frauen. Es heißt nicht „zu Penissen hingezogen“.
  • Bisexuelle/pansexuelle Cis-/Trans-Männer/Frauen/genderqueere Personen fühlen sich zu Männern und Frauen und (potentiell) Menschen (mancher oder aller) anderen Geschlechter hingezogen.
  • Asexuelle Menschen erleben keine primäre sexuelle Anziehung zu anderen Personen.

Ich könnte noch viel mehr über sexuelle Orientierung schreiben, aber das würde einen kompletten Artikel füllen.

(B) Alternative Ansichten zu den Definitionen von sex und gender identity

Mit alternativ meine ich Ansichten von Transmenschen, die aber auch innerhalb der Transcommunity (noch?) nicht weit verbreitet sind (nicht die Ansichten von Leuten, die Transmenschen hassen).

Manche Transmenschen sagen nicht, sie haben eine Geschlechtsidentität (gender identity), sondern ein Geschlecht (sex), meinen damit aber das gleiche. Einige sagen „Transmenschen bekommen Geschlechtsidentitäten, Cismenschen Geschlechter“ (und meinen damit, dass sie das ablehnen). Der Grundgedanke ist, dass sex als Sammelbegriff für die körperlichen Geschlechtsmerkmale ziemlich bedeutungslos ist. Und da „männlich sein“ = „sich als männlich identifizieren“ und „weiblich sein“ = „sich als weiblich identifizieren“, ist sex ein besseres Wort für das, was in einem Transkontext meistens Geschlechtsidentität genannt wird.

(Sei vorsichtig, wenn du an Blogs vorbeikommst, die „sex not gender“ im Titel oder der Tagline haben, die Wahrscheinlichkeit, dass es von Leuten betrieben wird, die Transmenschen hassen, liegt bei über 95%.)

(C) Andere Bedeutungen von transgender

Im Englischen kann sich transgender sowohl auf trans-gender-identity beziehen (sich nicht als das Geschlecht betrachten, das einem zugewiesen wurde) als auch auf trans-gender-expression (sich nicht so kleiden, verhalten etc., wie es für das eigene Geschlecht als typisch und angemessen betrachtet wird) beziehen, wobei die erste Bedeutung dominiert. Im Deutschen scheint es vorwiegend für die zweite Bedeutung verwendet zu werden, also Crossdresser und geschlechtsanarchische (gendervariant/gender-non-conforming) Menschen.

Ende. Ups, für einen Einführungstext ist der Text doch ein bisschen lang geworden (15 Seiten DIN A4). Aber obwohl er schon ein bisschen fortgeschrittener ist, deckt er noch längst nicht alles ab. Ich bin z.B. noch nicht mal zu Schwulen Mädchen (girl fags) und Lesbischen Jungen (guy dykes) gekommen.

Ich möchte mich bei allen Transmenschen in meinem Leben dafür bedanken, dass sie da sind. Ich hoffe, ich hab in diesem Blogpost nicht zu viel Müll geschrieben.